Kamera-Style-Berater: Was Amazon mit dem „Echo Look“ vor hat

28. April 2017 | Featured, Hardware | 0 Kommentare »

„Guten Tag, wir sind ein großes datenverarbeitendes Unternehmen, dessen Cloud-Daten auch zur Strafverfolgung und von Geheimdiensten genutzt werden und möchten eine Kamera mit Mikrofon und Internetanschluss in Ihrem Schlafzimmer aufstellen.“ – Der wahr gewordene Albtraum eines jeden Datenschützers. Oder kurz: Amazon präsentiert eine neue Version seines Heimassistenten Echo mit Kamera – den Echo Look.

Zwei Monate nach Entdeckung eines ersten Produktbildes auf Amazons Servern, stellte der Konzern nun endlich vor, was sich dahinter verbirgt: Im Gegensatz zu den bisherigen Erwartungen handelt es sich dabei jedoch nicht um eine Kamera, sindern um die neue Version des Heimassistenten Echo – den Echo Look.

Im Grunde kann der Echo Look alles, was die Vorgänger auch bereits konnten: Nachrichten abrufen, das Wetter vorhersagen, Wissensfragen beantworten, Musik abspielen, Smart-Home-Geräte steuern, Einkaufslisten erstellen und so weiter. Vom normalen Echo und dem kleinen Echo Dot ohne Lautsprecher unterscheidet sich der Echo Look im Wesentlichen von der erstmals neu hinzugekommenen 5-Megapixel-Kamera, die von einem kräftigen Blitzlicht unterstützt wird. Wer glaubt, Amazon würde damit in den Markt der Smart-Home-Überwachung und Babyphone einsteigen, irrt: Bisher richtet sich das digitale Auge samt zugehöriger App nämlich nicht an Technikbegeisterte, sondern an modebewusste Kunden. Nach den guten, aber noch ausbaufähigen Verkaufszahlen könnte Amazon mit dem Echo Look auf diese weise eine ganz neue Zielgruppe erschließen.

Amazon Echo Look - Aufnahme per Sprachbefehl

Mttels Live-View können sich die Nutzer auf dem Smartphone wie im Spiegel von allen Seiten betrachten, während sie sich drehen. Per Sprachbefehl lassen sich außerdem Fotos oder kurze Videos schießen und in der zugehörigen App ansehen. Diese fungiert für eine besonders modeinteressierte Zielgruppe zugleich als eine Art Stylebook. Dank eines Tiefensensors lassen sich die Fotos auch mit dem Bokeh-Effekt versehen, bei dem der Hintergrund verschwommen dargestellt wird, um das eigentliche Motiv stärker in den Fokus zu rücken. Die Bilder lassen sich außerdem über soziale Netze mit Freunden teilen und auf diese Weise Ratschläge und Meinungen einholen.

Amazon Echo Look Style

Wer keine sozialen Netzwerke nutzt oder keine modebewussten Freunde hat, kann sich aber auch direkt von Alexa beraten lassen. Unter Berücksichtigung von von Passform, Styling, Farbe, Saisonalität, aktuellen Trends und den eigenen Vorlieben kann Alexa auf Wunsch beispielsweise das bessere aus zwei Outfits wählen. Maschinelles Lernen in Verbindung mit Input von menschlichen Mode-Experten machen es möglich. Die KI lernt ständig dazu, sodass Alexa mit der Zeit immer bessere Ratschläge gibt.

Anders als Heidi Klum hat Alexa dabei immer ein Foto für dich. Die Aufnahmen werden in Amazons Cloud gespeichert – unbegrenzt.

Denn basierend auf diesen Daten schlägt das Unternehmen weitere Outfits aus dem Amazon-Shop vor.

Was erstmal werbewirksam und nach einem Vorteil klingt, kann den ein oder anderen vielleicht aber auch beunruhigen. Selbst die Vorgänger, Echo und Echo Dot, die beide lediglich mit einem Mikrofon ausgestattet sind, wurden von Datenschützern bereits heftig kritisiert. Da wundert es kaum, dass ein Modell, welches uns zusätzlich auch noch mit einer Kamera überwacht, erneut in die Kritik gerät.

Die Kamera wird bisher aber nur auf einen entsprechenden Sprachbefehl hin ausgelöst. Mit einem Schalter lassen sich Kamera und Mikrofon auf Wunsch auch komplett deaktivieren. Mit welchen Techniken man die Daten genau schützt, verrät Amazon leider nicht. Auf Nachfrage von Zeit Online versicherte der Konzern zumindest: „Amazon gibt keine persönlichen Daten an Werbetreibende oder Drittanbieter weiter, die Produktempfehlungen zeigen.“

Die Soziologin Zeynep Tufekci wies außerdem darauf hin, dass Amazon aus den Bildern auch ablesen könnte, ob man beispielsweise [übergewichtig], schwanger oder depressiv ist. Zwar gibt es keine Indizien für solche Gesundheitsdaten, die Möglichkeit lässt sich allerdings nicht leugnen.

Mit der Ausrichtung auf eine neue Zielgruppe, könnte der noch ausbaufähige Absatz des Heimassistenten steigen. Dem klassischen Rollenmodell folgend, wurden die vermehrt technikbegeisterten Herren nämlich bereits von den Vorgängern angesprochen – mit der Ausrichtung auf Mode könnte die allgemeine Akzeptanz – insbesondere beim weiblichen Geschlecht – nun zunehmen.

Amazon Echo nutzungsstatistik

Bisher haben nicht einmal die Hälfte aller Alexa-Nutzer schon eimal per Sprachbefehl einen Artikel auf die Einkaufsliste gesetzt. Nur jeder zehnte Nutzer tut dies häufiger. Wie viele dieser Listenpunkte schließlich in einem Kauf mündeten, ist unbekannt. Zumindest den Verkauf von Bekleidung könnte das neue Haupt-Feature künftig ankurbeln. Sollte Amazon zusätzlich eine Funktion zur digitalen Anprobe implementieren, könnte dies zudem die Zahl der Retouren minimieren.

Obwohl Amazon dem Markt der Smart-Home-Überwachungskameras und Babyphones mit dem Echo Look bislang keine Konkurrenz zu machen droht, wäre es für den Konzern ein Leichtes, dies mit einem künftigen Update zu ändern.

Auch eine Bewegungs- oder Gestensteuerung wäre denkbar. Vielleicht kann der Echo Look damit in Zukunft auch stumme Menschen verstehen.

Vorerst wurde Echo Look nur in den USA vorgestellt. Dort kann er nach Einladung für knapp 200 US-Dollar erworben werden. Ob, wann und zu welchem Preis Amazon den Echo Look auch in Deutschland verkaufen will, ist noch nicht bekannt. Der neue Heimassistent dürfte es aber seinen beiden Vorgängern Echo und dem kleineren Echo Dot gleich tun und in absehbarer Zeit den Sprung über den großen Teich wagen.


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