Kommentar: Mac OS Classic vs. Mac OS X/OS X/macOS – auf das Alter kommt es nicht an

27. Mai 2018 | Featured, Kolumnen | 0 Kommentare »

Kinder, wie die Zeit vergeht. Gerade noch hat Apple nach fünf Jahren Mac OS X den Wechsel auf Intel angekündigt und schon ist macOS, wie es inzwischen heißt, älter als Mac OS Classic geworden ist. Zeit für ein neues Betriebssystem? Nein. Das Thema ist recht spannend – und zeigt, wie knappe Ressourcen dafür sorgten, dass Mac OS Classic von Tag 1 an verdammt war. Nur wusste das damals keiner… oder man wollte es nicht wahrhaben.

Wir schreiben das Jahr 1984. Apple hat primär vom Apple ][ gelebt, den Apple Lisa gab es auch „irgendwie“, aber das nächste große Ding war der Macintosh. Der Macintosh 128K, wie er später zwecks Unterscheidung zum 512K-Modell genannt wurde. Der Name ist Programm, das Gerät hatte 128 Kilobyte Arbeitsspeicher. RAM war teuer, ROM nicht ganz so und so kam es, dass ein Großteil des Betriebssystems fest verdrahtet war. Dem System fehlten damals viele Features, etwa Multitasking – und überhaupt: Mit dem, was Mac OS Classic fehlte, hätte man Bücher füllen können. Über die Zeit hat Apple versucht, die Problemchen der Reihe nach anzugehen. Das war mehr oder weniger erfolgreich, aber stabil ging anders. Immerhin hatte Apple mit Windows 3.1, 95 und 98 auch keine besonders starke Konkurrenz, was Absturzsicherheit angeht.

Technisch gesehen war das leicht ältere Lisa-Betriebssystem schon weiter. Es unterstützte nämlich schon Multitasking, benötigte aber auch den teuren Apple Lisa. Es musste etwas passieren. Copland. Taligent. A/UX. Star Trek. Alles zusammen nichts Halbes und nichts Ganzes. Schließlich stand im Raum, Be Inc. zu kaufen – am Ende wurde NeXT gekauft und Steve Jobs zurückgebracht.

Und jetzt? Jetzt ist Mac OS X älter als Mac OS Classic. Ist das ein Problem? Sollte sich Apple mal nach einem neuen Betriebssystem umschauen? Nein – denn grundsätzlich ist mit Darwin, dem Mach-Kernel und sogar macOS alles in Ordnung. Auf das Alter kommt es nicht an.

Mac OS Classic musste auf dem Macintosh laufen. Er kam mit einem ROM, auf dem die API gespeichert ist, und 128 KB RAM. Im Interesse der Kompatibilität waren alle folgenden Macs, bis zum Wechsel auf Intel, ähnlich aufgebaut. Aufgrund der limitierten Hardware, musste man Kompromisse eingehen. Speicherschutz? Interessiert niemanden, wenn nur ein Programm gleichzeitig läuft. Mehrere Nutzer? Das brauchen doch nur Netzwerksysteme und wer braucht schon Netzwerk. Man könnte sagen, die meisten Probleme, mit denen Mac OS Classic bis zum Schluss zu kämpfen hatte, können auf frühe Design-Entscheidungen zurückgeführt werden, die dann der Kompatibilität wegen beibehalten wurden.

NeXT sollte nicht (in erster Linie) den Desktop-PC ablösen, sondern Workstations für Power-User herstellen. Sagen wir also, Kosten waren zweitrangig und das erlaubt es, deutlich stärkere Hardware zu verbauen. Entwickler wissen: Das ist ein Segen. Und ein Segen ist auch die Entscheidung, sich für BSD zu entscheiden, das aus Unix hervorgegangen ist und viele Merkmale schon seit Jahren beinhaltet, die anderswo wesentlich später erschienen – Netzwerk, Speicherschutz, Multi-User-System und so weiter.

NeXTSTEP, das Betriebssystem für NeXT-Computer basiert auf BSD, ist also ein Unix-Derivat und das ist bekanntermaßen schon seit Erstveröffentlichung das Betriebssystem der Zukunft. Technisch ist das wohl auch noch so – das Kunststück besteht eben nur darin, eine Umgebung zu erschaffen, in der sich Anwender wohlfühlen. Die Kommandozeile gehört nicht dazu.

Der Tag ist also gekommen, an dem es das moderne Mac OS X/OS X/macOS länger gibt als das klassische. Aber die zugrundeliegende Architektur macht es auch heute noch zu einem modernen Betriebssystem: Linux, FreeBSD und Windows NT machen kaum etwas anders als Darwin, Unterschiede liegen allenfalls in den Details und was sich wirklich ändert (hardwarebedingt), ist schnell angepasst, siehe iOS, das auf ARM-Prozessoren läuft.

Es wäre zum jetzigen Zeitpunkt also weder notwendig noch sinnvoll, nach einem neuen System Ausschau zu halten, schlicht weil es unter der Haube nichts wirklich besser machen würde als das, was wir haben. Sehr wohl würde OS-Revolution wie seinerzeit Mac OS X dazu führen, dass wir mit Emulation oder Kompatibilitätsverlusten kämpfen müssten. Treiber müssten neu entwickelt werden, Anwendungsprogramme ebenfalls. Seinerzeit ein Opfer, das man ob des „irgendwas muss passieren“ in Kauf genommen hat – heute unnötig.

Das bedeutet freilich nicht, dass Apple nicht trotzdem tätig werden sollte und müsste. Ich verwende seit ca. 12 Jahren Macs. Ich habe Mac OS X Tiger noch mit erlebt und stelle mit Erschrecken fest, dass die Kinderkrankheiten immer schlimmer wurden. macOS High Sierra ist, gelinde gesagt, eine Frechheit. Es hat nicht weniger als vier Updates gebraucht, bis mein iMac einfache Dinge wie Aufwachen aus dem Ruhezustand hinreichend zuverlässig hinbekommt. Der Finder wirkt nach wie vor ziemlich altbacken. iTunes könnte mal in seine Bestandteile aufgeteilt und ähnlich wie in iOS neu implementiert werden (und ich meine neu programmiert, nicht neue Gardinen aufhängen und dann behaupten, es sei eine Verbesserung). Aber technisch… Technisch ist das nur oberflächlich, Fehlerbehebungen, Optimierungen, Verbesserungen. Das sind alles keine grundsätzlichen Probleme und vor allem keine, die sich nicht ohne einen Bruch in der Kompatibilität lösen lassen. Und das ist faszinierend.


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