REVIEW: Powerbeats Pro – Wirklich so PRO, wie alle meinen?

18. August 2019 | Apple, Featured, Hardware | 0 Kommentare »

***Ein Testbericht von Valentin Heisler***

Die neuen Powerbeats Pro sind inzwischen schon einige Wochen auf dem Markt und die Technik-Welt umfasst zahlreiche Erfahrungsberichte und Reviews. Dennoch hatte ich das enorme Bedürfnis, meinen eigenen Senf dazugeben zu müssen. Warum? 

Nun, ganz einfach: Ich werde das Gefühl einfach nicht los, dass die ‚Tester’ der kabellosen Ohrstöpsel ihrem Namen alle Ehre gemacht haben. Es sind TEST-Berichte, die auf einer Erfahrung von einigen Tagen bis vielleicht wenigen Wochen basieren. Doch wirkliche NUTZER scheint es unter den Autoren dieser Texte kaum zu geben. Zu viele Dinge, die mir aufgefallen sind, werden von anderen Personen nicht mal im Ansatz erwähnt. 

Darum hier meine Meinung zum neuesten Mitglied der Beats-Familie nach mehrwöchiger Alltagsverwendung.

Ich benötige kabellose Kopfhörer jeden Tag mehrere Stunden. Während meiner zahlreichen Fahrradfahrten sowie Spaziergängen spielen sie Podcasts. Im Fitnessstudio müssen sie für HipHop-Musik herhalten und nachmittags werden sie für etliche Telefonate genutzt.  

Meine Historie für kabellose Bluetooth-Kopfhörer geht schon eine ganze Weile zurück (Grüße an Basti Wölfe von Bitsundso). Dementsprechend hatte ich schon einige Produkte gekauft, von denen sich allerdings nur wenige wirklich etablieren konnten. Sei es aufgrund des katastrophalen Sounderlebnisses, des schlechten Tragekomforts, der miserablen Connectivity oder der Verarbeitung. Bei meiner Auswahl beschränke ich mich auf In-Ear mit den obligatorischen Gummiringen. Over-Ear-Headphones sind mir für unterwegs zu kolossal, AirPods halten in meinen Ohren nicht.

Auf die Powerbeats Pro habe ich mich schon gefreut, als die ersten Leaks aufgetaucht sind, war aber nach der Preisbekanntgabe erstmal schockiert. Schamlos in die Höhe getriebene Preise ist man von Apple zwar gewohnt, trotzdem wollte ich die rund EUR 250 nicht in diese Kopfhörer investieren.  

Jedoch gingen meine vorherigen Kopfhörer kurz nach dem Release kaputt, wodurch ein spontaner Apple Store-Besuch zum Kauf der neuen Beats geführt hat. Wer nicht wagt… 

Das Auspacken war Beats-typisch angenehm: Edle und robuste Verpackung, wenig Schnickschnack und ausreichend Zubehör. In diesem Fall waren es ein SCHWARZES Lightning-Kabel (ansonsten nur bei wenigen schwarzen Apple-Geräten beiliegend) und eine Hand voll Silikon-Aufsätzen, damit auch jede Ohr-Form bedient werden kann. Das matte Finish der Earphones sowie das restliche Design gefallen mir gut, auf die angebrachten Knöpfe gehe ich später noch ein. 

Matt gehalten ist auch das Ladecase… äh, Verzeihung, der Ladebunker! Das Teil ist so unfassbar groß und klobig, dass es in keine meiner Hosentaschen und nur wenige Jackentaschen hineinpasst. Das liegt aber nicht daran, dass die Akkuleistung ungewöhnlich groß oder Wireless-Charging integriert wäre. Freche Zungen würden behaupten, dass die Positionierung der Powerbeats in ihrer Halterung kompletter Quatsch ist. Zwar kann man sie einfach und mit einem Handgriff aus dem Kästchen nehmen, aber die aufrechte Position sorgt für eine Verschwendung des Platzes. Nicht nur die Konkurrenz macht das oftmals besser, auch das AirPods-Case bietet eine vielfach sinnvollere Unterbringungsmöglichkeit.

Die Powerbeats Pro sind relativ schwer, allerdings soll viel Technik und Akku drinstecken. Der Ear-Hook ist innen aus biegbarem Metall, wodurch der Bügel an das eigene Ohr angepasst werden kann. Das gefällt mir sehr gut. Die mitgelieferten Buds aus schwarzem Silikon sind verschieden groß und teilweise in anderer Form. Da sollte für jeden Gehörgang etwas dabei sein. Trotz des hohen Gewichts, lassen sich die Ohrhörer sehr gut tragen. Nach dem einfachen „Einhaken“ stehen die Beats schräg nach oben, was den Halt für meine Zwecke perfekt macht. 

Leider ist das ein riesiges Problem – zumindest für mich. Eigentlich ist es das Hauptargument von In-Ear-Kopfhörern, dass die Silikon-Aufsätze für ein gutes passives Noise-Cancelling sorgen. Und das ist bei diesem Produkt nicht der Fall. Die Außengeräusche sind noch so intensiv wahrnehmbar, dass die Details der Musik bei normaler Lautstärke nicht zu hören sind. Im Gym kann ich z. B. die Gespräche der Mittrainierenden sowie die Wettermeldung des Studio-Radios hören. Die Musik wird erst dann detailreich und übertönt alles andere, wenn ich die Lautstärke auf ca. 80% drehe (bei Apple-Produkten 13/16 Lautstärkepunkten). Und das ist mir zum Hören von Musik entschieden zu laut. Normales Telefonieren an der Straße wird ebenso zur Herausforderung. Selbst ein kleines Auto, das kein Gas gibt, macht so viel Lärm, dass der Gegenüber nicht mehr zu verstehen ist. Und ja, ich habe einen passenden Aufsatz gewählt, der für die bekannte Abdichtung sorgen sollte. 

Woran das Problem genau liegt, kann ich nicht sagen. Ich glaube, der Audiokanal, der ins Ohr führt, ist zu lang. Der Sound muss von der Stelle des Entstehens bis zum Trommelfell zu viel Weg zurücklegen und verliert deshalb an „Kraft“. Reine Mutmaßung… 

Das Klangempfinden ist ja meist eine rein subjektive Angelegenheit. Aber es gibt doch ein paar Anhaltspunkte, die man grundsätzlich erwartet und die bei einem solchen Preis auch gewährleistet sein sollten. Das größte Problem resultiert aus den oben angesprochenen Schwächen bei der Abschirmung. Und zwar geht es um die Lautstärke. Ist die Musik bei etwa 75% ausreichend laut, um auch Details (wie manche Instrumente und Klangeffekte) wahrzunehmen, muss beim Telefonieren Vollgas gegeben werden, um den Gegenüber überhaupt zu verstehen. Hier gehe ich von normalen Umgebungsgeräuschen wie Fußgängerzone oder Fitnessstudio aus. Im stillen Wohnzimmer sollte auch ein geringerer Pegel genügen. 

Eine andere Sache ist der Bass. Wenngleich die Marke Beats der Inbegriff von HipHop-Musik mit ordentlich Bums im Tieftonbereich ist, werden die Powerbeats Pro diesem Image nicht gerecht. Wie Anfangs erwähnt, werden die Kopfhörer beim Sport hauptsächlich für Rap verwendet, wo der Bass eine elementare Rolle spielt. Doch bei den neuen True Wireless-Geräten ist dieser ungewohnt flach, ausgeglichen und wenig aufdringlich. Beim Telefonieren und Podcast-Hören ist das angenehm, da die Sprache klar und ausgewogen klingt. Auch kommt das den Höhen und vor allem den Mitten zu Gute. Das Klangbild ist insgesamt also eher neutral mit weniger Bass-Präsenz.

Auf der anderen Seite ist das Mikrofon eine wahre Schau. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das Mic der Powerbeats Pro das beste ist, das ich in diesem Bereich je benutzt habe. Ab dem Zeitpunkt, an dem das Kabel als Verbindungsstück wegfällt, versagen Konkurrenzprodukte auf ganzer Linie. Und ich erinnere nochmal daran: Kopfhörer sind nicht dafür gemacht, nur im stillen Kämmerchen genutzt zu werden. Das heißt, dass die Stimme klar verständlich sein muss und Störgeräusche gefälligst herausgefiltert werden sollten. Das schaffen die Powerbeats Pro hervorragend. Aus einem vorbeifahrenden LKW wird ein leichtes Säuseln beim Telefonpartner (auch wenn ich dafür kein Wort mehr verstehe…) und meine Stimme bleibt trotzdem einigermaßen klar.

Es gibt einen Hauptknopf, der gleichzeitig das Beats-Logo darstellt. Damit kann die Wiedergabe gestartet/pausiert, Anrufe angenommen/angelehnt/aufgelegt und vor-/zurückgespult werden. Zudem kommt noch das manuelle Aktivieren von Siri hinzu; später mehr zum Smart Assistent. Der Druckpunkt des Knopfes ist allerdings äußerst weich, wodurch man kein direktes haptisches Feedback über das erfolgreiche Betätigen erhält. Außerdem halte ich die Platzierung für nicht optimal. Intuitiv würde ich den Knopf auf Höhe des Gehörgangs erwarten. Durch die schräge Lage des Hauptelements rutscht er nach vorne unten. Ich brauche oft mehrere Anläufe, bis ich ihn erwische, weil ich zu weit hinten tippe.

Ansonsten gibt es noch eine Wippe zur Lautstärkebedienung. Hier profitieren die Beats von der Schräglage, da somit der Leiser-Button tiefer als der Lauter-Button liegt – soweit ein verständliches Bedienungskonzept, das mir gefällt. 

Zu erwähnen wäre noch die Spiegelung der Hardware-Funktionen auf beiden Seiten. Das bedeutet, dass alle Bedienelemente sowohl auf dem linken als auch dem rechten Ohrstöpsel angebracht sind. Die beiden Seitenteile können also völlig autark voneinander agieren, was eher unüblich für Wireless-Ohrhörer ist. Bei vielen anderen Geräten kann nur der Master einzeln genutzt werden. 

Ein Beispiel wäre der integrierte H1-Chip. Nach den Airpods 2 bringt er den „Hey Siri“-Zuruf nun auch auf das Beats-Wearable. Eigentlich war ich nie ein großer Fan dieser Funktion. Doch ich ertappe mich immer öfter, wie ich den ein oder anderen Befehl losrufe und von der weiblichen Assistentin bedient werde. Es macht irgendwie doch Spaß, das iPhone in der Tasche zu lassen, um einen kleinen Anruf zu starten.

Ein anderer Brecher ist der Akku, der mit neun Stunden (inkl. Ladecase sind es 24 Stunden) angegeben wird. Zwar erreiche ich den Wert nicht ganz, jedoch telefoniere ich auch viel. Zufrieden bin ich mit der Leistung trotzdem. Die Zusammenarbeit zwischen den Kopfhörern und iPhone/Watch/Mac etc. sorgt für ein geniales Akku-Management. Standardmäßig ertönt kurz vor Akku-Ende ein Hinweiston, der auf die bald notwendige Steckdose aufmerksam macht. Geladen wird übrigens per Lightning-Anschluss an der Rückseite – zur Erinnerung: schwarzes (!) Kabel liegt bei. 

Auch ist die Konnektivität bombastisch. Im Gegensatz zur einfachen Bluetooth-Verbindung hatte ich noch nie Verbindungsabbrüche und kann reibungslos zwischen meinen Geräten hin- und herwechseln.

Letztlich sind noch die ‚Positions‘-Sensoren zu nennen. Sie erkennen, wenn die Ohrhörer eingesetzt wurden und auch wie viele verwendet werden sollen. Wie gesagt, können beide autark voneinander benutzt werden. Nach dem Einsetzen wird automatisch die Verbindung zu einem der Quellengeräte (bei mir iPhone oder Apple Watch) hergestellt, was ebenfalls durch einen Hinweissound bestätigt wird.  

Das ist das wahrscheinlich sensibelste Thema. Die UVP im Apple Store liegt bei EUR 249,95 (Stand: August 2019). Vor Kurzem habe ich die Kopfhörer bei Amazon Spanien für um die EUR 213,- gesehen. Im Moment sind sie aber wieder teurer:


Ansonsten sieht es eher dünn aus, was Angebote angeht und mit einem baldigen Preisfall ist nicht zu rechen. In vielen Ländern ist nur die schwarze Edition zu erwerben und selbst da gibt es Lieferprobleme. Beats-Geräte waren noch nie für ihren besonders günstigen Preis bekannt – der Lifestyle und das Design stehen im Fokus.

Kann ich die Powerbeats Pro nun empfehlen oder nicht? Das ist eine verdammt schwierige Frage.

Bevorzugt man iOS und macOS oder bewegt sich bereits im Apfel-Ökosystem, hat man oft keine wirkliche Alternative zu den angebotenen Accessories (z.B. Apple Pencil). Jetzt reden wir aber von Kopfhörern – einem Zubehörprodukt, das es auch von hunderten anderen Firmen zu kaufen gibt. 

Natürlich stechen die Vorteile der nahtlosen Integration ins Apple-Universum heraus. Der H1-Chip, die automatische Erkennung, die perfekte Konnektivität, die lange Akkulaufzeit und das frustfreie Wechseln zwischen mehreren Audioquellen sind definitiv Benefits. Auf der anderen Seite sind die mangelhafte Abschirmung und die zu geringe Lautstärke eigentlich Gründe für das Exekutionskommando. Der unerwartet ausgeglichene Sound war für mich zwar enttäuschend, gefällt den meisten aber wahrscheinlich ganz gut. Die Tastenbedienung ist etwas seltsam, aber daran kann man sich sicher gewöhnen. Bei mir ist das nach ca. acht Wochen noch nicht der Fall. Sonst ist das Ladecase unhandlich und passt sicher nicht in die Jeans.

Trotz der Nachteile habe ich die Beats behalten und würde sie vorerst eher nicht gegen andere tauschen. Die Apple-Vorteile überwiegen, der Akku hält ewig und das Mikrofon ist im Vergleich zu anderen Geräten genial. Trotzdem ist der Preis eine Unverschämtheit – oh welch Wunder bei Apple. Bei einer Betrag von um die EUR 200,- wären die Earphones ausreichend hoch bepreist. Mehr ist für mich eigentlich nicht mehr zu rechtfertigen. Konkurrenzprodukte mit guter Qualität starten bei unter EUR 100,-. Jedoch gibt es auch genug Material in der höheren Preisregion mit weitaus schlimmeren Problemen (z. B. Konnektivität oder Tragekomfort). 

Hat man sowieso vor, neue Kopfhörer zu kaufen, sind die Powerbeats Pro dennoch einen Versuch wert. Auf Preisverfälle zu hoffen, ist momentan eine weniger sinnvolle Methode. Ist man sich den Vorteilen sowie Nachteilen der neuen Beats bewusst und kennt man den eigenen Anwendungsfall, sind sie trotzdem empfehlenswert. 

Schlussendlich muss man wie immer selbst entscheiden… 

Wer von euch hat die Powerbeats und was meint ihr dazu? Wer will sie sich vielleicht noch kaufen?


Dir gefällt der Artikel? Teile ihn mit deinen Kontakten:
Kommentare sind derzeit geschlossen, aber du kannst dennoch einen Trackback auf deiner Seite einrichten.

Kommentarfunktion ist deaktiviert