Kommentar: Das Apple nach Jony Ive

28. Juni 2019 | Apple, Featured | 0 Kommentare »

So unpassend es auch klingen mag, den Tod von Steve Jobs irgendwie in Verbindung mit Jony Ives Abgang von Apple dieses Jahr zu bringen, möchte ich dennoch meine Argumente dafür vortragen. Denn ähnlich dem Ausscheiden von Steve Jobs 2011 als CEO, birgt auch der Abgang von Jony Ive 2019 auf der einen Seite zwar Risiken, auf der anderen Seite aber ungeahnte Chancen. Und die überwiegen.

Jony Ive hat Apple nicht nur geprägt, sondern mit Steve Jobs und einigen wenigen anderen wieder aufgebaut. Seine Designs des ersten iMacs, iPods und iPhones hatten damals noch viel mehr Gewicht, als heute Design in der Tech-Branche hat. Ives Design prägte die ganze Branche, Computer und Personal-Tech Produkte waren auf einmal cool und schick, nicht mehr geeky.

Design war freilich nicht das einzige, aber sicher jenes Alleinstellungsmerkmal, das in der Öffentlichkeit mit Apple in Verbindung gebracht wurde. Schicke Designs, hochwertige Materialien, nahtlose Verarbeitung. Davon zehrt Apple noch heute, selbst in Zeiten, in denen man objektiv gesehen nicht zwingend die schönsten Smartphones baut.

Doch besonders in den letzten Jahren hatte man das Gefühl, dass sich Apples Designsprache nicht nur verändert hat, sondern teilweise krampfhaft an Werten festgehalten wurde, die vielleicht kontraproduktiv sind. Warum muss das iPhone eigentlich so dünn sein, wo doch alle Welt nach mehr Akku und besseren Kameras schreit? Warum müssen die MacBooks noch dünner werden, während dafür an deren genialem Kapitel, eine vollwertige Tastatur, gesägt wird?

Ebenso hat sich der Stellenwert von Design verändert. Greifen die Kunden heute wirklich zum iPhone, weil es das schönste Gerät ist? Vielleicht manche, aber die Masse legt mehr Wert auf iOS, das gesamte Ökosystem und Features wie Face ID. Auf der Apple Homepage findet auf der iPhone Xs Unterseite nicht einmal mehr den Punkt „Design“. Ausgeschrieben werden stattdessen „Face ID“, „Nur das iPhone“, „A12 BIONIC“ und andere Features.

Nun, Steve Jobs hatte einmal gesagt, Design ist nicht wie etwas aussieht, sondern wie etwas funktioniert:

Und das mag auch stimmen. Ive hatte nicht nur die Aluminiumsorte oder die Beschaffenheit der Apple Watch ausgewählt, sondern das gesamte Produkt durchdacht. Doch Fakt ist: Die Designwelt in der Techbranche hat sich verändert.

2011 war man sich unsicher: Beginnt jetzt der Untergang von Apple, oder vielmehr ein neues Kapitel? Acht Jahre später könnte man langsam aber sicher zu letzterem tendieren. Apple hat Jobs wohl überdauert. Und das ist extrem wichtig. Einzelne Personen, an denen ein Unternehmen steht und fällt, können genial aber irgendwann toxisch wirken.

Und hier kommt mein Vergleich mit Steve Jobs. Jobs war der große Visionär und Vordenker, der Apple gegründet und später von der Pleite zum Weltkonzern geführt hatte. Doch er war auch jener sture Kopf, der skrupellos und verletzend agierte. Einer, der Fehler nicht gerne eingestand und eine Veränderung und Öffnung von Apple in wichtigen Bereichen blockierte. Tim Cooks Apple ist offener in der Kommunikation, setzt sich aktiv und lautstark für Umweltschutz, Menschenrechte, Privatsphäre und politische Themen ein. Die kommunizierten Werte von Apple haben sich teilweise verschoben. Apple wirkt frischer und moderner, selbst wenn sich nicht alle Bereiche zum Positiven verändert haben.

Die „Post-Ive“ Ära könnte deshalb ähnliche Chancen und Risiken bieten.

Auf der einen Seite: Entscheidungen, Designs oder ganze Produkte, die unter dem Sir nicht möglich waren. Ive ist ja nicht weg. Doch alleine die Wirkung, dass er nicht mehr bei Apple, sondern für Apple arbeitet, ist natürlich weitreichend. Vielleicht bekommen wir tatsächlich eine etwas neue Designsprache. Und auf jeden Fall weniger Abhängigkeit von einer Person. Möglich wäre auf der anderen Seite aber auch ein Verfall der Designwerte von Apple. Sogar, dass Design an sich weniger wert ist. Dass Apples Designtouch verloren geht. Das bleibt es abzuwarten.

The Verge hatte heute eine spannende Einschätzung veröffentlicht, wonach der Weggang von Ive ein weiteres Loslösen Apples von den menschlichen Genies ist. Apple ist mehr als die bekannten Personen. Mehr als Steve Jobs als Gründer und mehr als Jony Ive im Design.

Gegenüber der Financial Times hatte Tim Cook persönlich gesagt, dass Entscheidungen bei Apple mehr im Team gefällt werden. Das Unternehmen würde horizontal funktionieren. Jobs war zwar auch der Ansicht, dass die besten Ideen, nicht Hierarchie Entscheidungen treffen sollten. Doch das Apple unter Jobs war deutlicher eher geleitet von wenigen mächtigen Executives. Es gab keine Komitees laut Jobs. Das neue Design Team sieht da aber anders aus. Es wird nicht einmal von einer Person geführt, sondern gleich von zwei.

Das ist auch kein Umbruch von heute auf morgen. Ives Rückzug hatte sich in den letzten Jahren schon angedeutet. Er erschien nicht mehr täglich im Büro und gab leitende Posten ab. Was wir jetzt sehen ist die sichtbare Konsequenz.

Apples neue Ausrichtung, weg von einzelnen Entscheidungsträgern und hin zu mehr Komitees, war absehbar. The Verge titelt heute „Design by committee isn’t necessarily bad.“

Das wird sich herausstellen. Die Gefahren sind zwar da. Aber vor allem auch die breiten und nie dagewesene Möglichkeiten.

Was meint ihr? Bewegt sich Apple ohne Jony Ive in die richtige Richtung?


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